Nicht ganz wie Urlaub

Lungenklinik, da denkt man doch gleich an Thomas Mann und Davos, bleiche Gestalten in Decken gehüllt auf Liegestühlen in der fahlen Herbstsonne, tief die gesunde Bergluft atmend. Wie sich die Zeiten wandeln.

Vor dem Fenster lärmt und staubt die Baustelle für die noch schönere, neuere, größere Klinik, innen drin 70er Jahre Krankenhausrealitiät mit Clo auf dem Gang (immerhin 2 Stück für 8 Zimmer).

Draußen sind es hochsommerliche 35 Grad und der einzige freie Fleck neben der Baustelle und den enormen Parkplatzkapazitäten ist der Hubschrauberlandeplatz. Drumherum malerisch drei Bänke in der prallen Sonne auf dem Gras angeordnet:  Genau das richtige, wenn man mit Antibotikum zugeballert wird.

 

„36 Grad und es wird noch heißer …“  (2Raumwohnung)

Heute vor einer Woche habe ich meine erste Reisegruppe für dieses (Corona-)Jahr durch den Bodenseee gewandert. Schön war’s, heiß war’s, dass mein Husten nicht ansteckend ist, haben sie gewusst und danach sollte das mal rasch in der Lungenklinik abgeklärt werden.

Die klärende Bronchoskopie findet wegen des lahmen Coronatests erst einen Tag später statt und wirbelt meine Bakterien dann so auf, dass meine anfänglich noch moderaten Entzündungswerte  in enorme Höhen schnellen und meine Körpertemperatur gleich mit auf 39,5 ! 

Geklärt ist immer noch nichts, ich bin den 6. Tag in der Klinik, habe mindestens 1,5 Liter Blut abgegeben, mit denen sie jetzt Kulturen züchten und immer wieder böse Ergebnisse herausfiltern, die mich zum Bleiben zwingen. Hätte ich mir ja auch denken können, wenn sie schon gleich als zweites fragen, ob man seine Patientenerfügung dabei hat. 

Cafeteria gibt’s nicht, wegen Corona, Besuch ist nur einer festen Person – und das auch erst ab dem 8. Tag erlaubt – ( das schaffe ich locker)! Die Seelsorgerin – evangelisches Krankenhaus – stellt sich freundlich am 2. Tag vor und verschenkt bunte Kärtchen mit irischen Segenswünschen. Ja, da war ja auch die Welt noch fast in Ordnung. 

Leider habe ich wohl die echte Pappnase als Stationsarzt erwischt – und der Chef, der an meinem speziellen Fall sehr interessiert und engagiert gewesen wäre, ist natürlich in Urlaub. Shit happens. 

Rebellen, Glitzerladies und Nachtengel

Aber das Pflegepersonal ist großartig. Als ich abends Ohrspeicheldrüsenentzündung bekomme, beteiligen sich alle Pfleger an der Suche nach einem Kaugummi (kauen ist das einzige was erstmal hilft) und bringen dann stolz 2 kleine zerknüllte Packungen airways aus den Spinden der Kollegen an.

Markus, der Rebell, der mit dem Hinweis auf die Freiheit des Einzelnen einen bis spätabends nach draußen schickt und der Nachtschwester  einen Zettel hinlegt, damit  die Bescheid weiß. Und wenn man zurückkommt hat die schon alles gerichtet und ist einfach superlieb. Vielen Dank Andrea! Oder Jasmina, die nicht nur wegen ihrer superglitzer Crogs ein echtes Highlight ist.

Thomas gibt nicht nur Tipps, wo man lecker was beim Griechen holen kann, sondern auch noch Besteck und  Servietten dazu, damit wir draußen stilvoll picknicken können.  Und Jonas,  der Pflege-Praktikant, der dann Medizin studieren, aber leider nicht Lungenfacharzt werden will! Schade, empathische Ärzte würden hier echt noch gebraucht. 

2 Kommentare zu „Nicht ganz wie Urlaub“

  1. Super schön geschrieben,ich werde demnächst mal meinen Aufenthalt in der Rheumaklinik Herne zu Corona Zeiten bei 36 Grad zusammenfassen. Zumindest für mich selber und als Bewertung,damit sich kein Trauma entwickelt.

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